Mittwoch, April 8

Teil 6

 
 
Seit Tagen hatte sich  Ajatuk auf diesen Tag gefreut. Geburtstag ist in ihrer Familie neben Weihnachten und Ostern der schönste Tag des Jahres. Die Vorfreude hatte sie früh schon geweckt. Ihre Brüder und Eltern schliefen tief. Man hörte ihre regelmässigen Atemzüge. Ajatuk schlug die Felldecke zurück. Da glitt etwas zu Boden. Durch das Gepolter wurden alle wach. „Wir wünschen dir zum Geburtstag Gottes Segen“, ertönte es von allen Seiten. Ajatuk war ganz gerührt. Die Mutter entzündete die Tranlampe und da gewahrte Ajatuk neben ihrem Bett die Geburtstagsgeschenke.
Von den Eltern hatte sie ein Kleid aus Robbenfell erhalten. Das hatte sie sich schon lange gewünscht. Nuka war vor zwei Monaten mit seinen Freunden aus dem Dorf auf Robbenjagd gegangen. Um beim Töten das Fell nicht zu zerstören, fangen und erlegen sie die Tiere nach einem alten Brauch. Sie setzen eine drei Meter lange Stange in vollem Lauf auf den Boden, um möglichst weit zu springen. Auf diese Weise vermögen sie im Winter von Eisscholle zu Eisscholle zu gelangen. Haben die Jäger ein erwachsenes Tier entdeckt, schleichen sie es an, um es mit dem Hakapik, einer Art Fischanlandungshaken, mit einem Schlag auf den Hinterkopf zu töten. Das erlegte Tier brachte Nuka zu Anouk, die den abgezogenen Pelz mit Nähnadeln aus Knochen und Fäden aus getrockneten Tiersehnen zu einem schönen Kleid zusammennähte. Neben dem Robbenkleid lag das Geschenk ihrer beiden Brüder. Sie hatten ihr ein Ajagaq gemacht. Das ist Geschicklichkeitsspiel, bei dem ein an einer Schnur befestigtes Stäbchen in die Mulden eines durchlöcherten  Geweihstücks geworfen werden muss. Voller Dankbarkeit umarmte Ajatuk ihre Familie.
Glücklich zog sie das warme Kleidungsstück an. Eisig pfiff ihr der Wind entgegen, als sie aus dem warmen Iglu trat. Wie froh war  sie um das warme, neue Kleid.  Der nachtschwarze Himmel war vom Vollmondlicht erhellt. Eigentlich hatte Nuka seine Tochter im Hundeschlitten zu Usnea führen wollen. Zu Fuss dauert die Reise bis zum Grossen Gletscher mindestens drei Stunden. Aber Ajatuk wollte nicht. Sie liebte es, mit Haruk an ihrer Seite durch die Stille zu schreiten. Und das fahle Mondlicht zeigte ihr ja den Weg. Froh zog sie los.